Warum sich Sachsen-Anhalt so schwer tut, ein mit Stolz verbundenes Landesbewusstsein zu entwickeln

„Ein historisches Kunstprodukt ohne Identität“

– Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/16389060 ©2016 (abgerufen am 07.11.2016)

„MAGDEBURG, 14. April. Das Foto zeigt eine Propellermaschine aus den dreißiger Jahren. „Als andere noch stolz auf ihre Lederhosen waren“, so verkündet die CDU von Sachsen-Anhalt in einem Flugblatt, „bauten wir hier schon Flugzeuge.“ Das ist nicht als Spitze gegen Bayern gedacht. Mit der Erinnerung an die Dessauer Junkers-Werke und die legendäre „Ju 52“ wollen die Christdemokraten den Bewohnern Mut machen und ihre Zuversicht stärken, dass das Land nicht auf Dauer wirtschaftliches Schlusslicht bleiben muss, sondern sich ähnlich erfolgreich entwickeln kann wie der weiß-blaue Freistaat.Eine Stärkung des Selbstvertrauens haben die Menschen in Sachsen-Anhalt, wo am kommenden Sonntag ein neuer Landtag gewählt wird, bitter nötig. Dass die Region, in der einst deutsche Industriegeschichte geschrieben wurde, heute die rote Laterne unter den Bundesländern hat, lastet schwer auf den Bürgern. Das Negativ-Image fördert Lethargie und Frustration. Und es macht es den Bewohnern schwer, sich mit dem Land, in dem seit acht Jahren eine SPD-Minderheitsregierung mit PDS-Unterstützung die Geschicke lenkt, zu identifizieren. Die ökonomische Situation erklärt freilich nicht allein, warum es mit dem Stolz und dem Landesbewusstsein der Menschen zwischen Salzwedel und Zeitz nicht weit her ist. „Wir sind ein historisches Kunstprodukt ohne gewachsene Identität“, sagt der CDU-Spitzenkandidat Wolfgang Böhmer. Während sich die Nachbarländer Brandenburg, Sachsen und Thüringen auf eine längere Territorialgeschichte stützen können, die auch unter dem Zentralismus des SED-Staates lebendig blieb, ist Sachsen-Anhalt erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden.  Zusammengesetzt aus einer ehemals preußischen Provinz, dem einstigen Freistaat Anhalt und kleineren Gebieten des früheren Landes Braunschweig. Die sieben Jahre bis zur Auflösung 1952 waren zu kurz, um einen prägenden Einfluss auf das Landesbewusstsein der Bevölkerung ausüben zu können.Auch nach der Wiederbegründung 1990 tat sich das Bindestrichland schwer, den inneren Zusammenhalt im föderalen Wettbewerb zu formen. Zu unterschiedlich die Landesteile, zu groß der landsmannschaftliche Abstand zwischen der norddeutsch geprägten Altmark und der südlichen Region an Saale und Unstrut. Ein Mischmasch, bunt wie das Landeswappen, das gleich zwei Tiere, Bär und Adler, zieren. Der Mangel an sachsen-anhaltinischem Wir-Gefühl förderte in der Nach-Wende-Zeit manche Absetz-Bewegung. In etlichen Städten und Kreisen propagierten Bürger den Anschluss an Sachsen und Thüringen. In Halle, das den Kampf um den Sitz von Landesparlament und Regierung an Magdeburg verlor, sind solche Stimmen nie ganz verstummt. Da verwundert es nicht, dass der Versuch, eine eigene Landeshymne zu kreieren, erfolglos blieb. Text und Komposition eines 1991 prämierten Sachsen-Anhalt-Liedes kamen bei den Leuten nicht an. Obwohl die Ausgangslage der fünf neuen Länder Anfang der neunziger Jahre ähnlich war, spielte Sachsen-Anhalt in vielen Bereichen eine Sonderrolle. In keinem deutschen Parlament gab es neben den etablierten Parteien so viele exotische und radikale Gruppierungen. Nirgendwo sonst wechselten Abgeordnete so häufig Fraktion und Status. Ein aus dem Westen zugewanderter Parlamentarier schaffte es sogar, dreimal Chef dreier unterschiedlicher Fraktionen zu werden.In der ersten Legislaturperiode, als CDU und FDP regierten, hatte Sachsen-Anhalt drei Ministerpräsidenten verschlissen. Seit 1994 heißt der Amtsinhaber Reinhard Höppner. Eine Identifikationsfigur mit Ausstrahlung und der Kraft zur Integration, so wie sie Kurt Biedenkopf, Bernhard Vogel oder Manfred Stolpe verkörpern, ist er nicht. Dafür ist er ein besonders ehrlicher Mensch. Ein Landesvater sei er nicht, sagt er. „Das passt nicht zu meiner Person.““Als andere noch stolz auf ihre Lederhosen waren, bauten wir hier schon Flugzeuge. “ CDU-Flugblatt.BERLINER VERLAG Legendärer Flugzeugbauer: die Junkerswerke in Dessau, hier die Ju 90 (1937).“

 

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